Geflügelhalter erinnern sich mit Grausen an den Vogelgrippe-Hype vor einigen Jahren, als das Virus H5N1 vom Friedrich-Loeffler-Institut auf der Ostsee“seuchen“insel Riems mit Hilfe der Medien von der Leine gelassen wurde.
Für viele Hobby-Geflügelhalter bedeutete diese Zeit die Aufgabe ihres Hobbys, Massentierhalter mussten abertausende gesunde Vögel umbringen. Heute und morgen tagen die deutschen Agrarminister, um über die Fortführung der Stallpflicht zu beraten. Dr. Rosemarie Heiß hat einen beklemmenden Erfahrungsbericht der Massentötung von Geflügel für das „Wissenschaftsforum Aviäre Influenza“ (WAI) verfasst, den man hier nachlesen kann. Sie hat zudem eine Fotodokumentation über das Grauen in den Ställen erstellt: Fotos zum Fall Eskilden.
Peter Petermanns kritische Veröffentlichung „Vogelgrippe und Vogelzug: Mehr fiction als science?“ ist ebenfalls lesenswert. (Via Werner Hupperich, Netzwerk Phönix)
Die „Seuchen“insel Riems im Greifswalder Bodden mit dem FLI
Ja, die Verbraucherschutz- und Agrarminister tagen – sie haben aber entgegen ihrer ursprünglichen Absicht die Änderung der Geflügelpest-Verordnung gar nicht auf die Tagesordnung genommen!
Ein fast unerträglicher Skandal, denn immernoch werden Handelsbewegungen und intensiv gehaltene Geflügel-Großbestände nicht regelmäßig auf Influenzaviren untersucht (im Gegensatz zu Freilandhaltungen. Das auf diese Weise H5N1 unbemerkt zirkulieren und infiziertes Geflügel in den Handel geraten kann, wissen die Behörden genau. Zum Beispiel teilte das Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt des Landkreises Rügen mit, dass aufgrund der gegenwärtigen Risikoeinschätzung die Freilandhaltung von Geflügel (unter strengen Auflagen) gestattet sei, betont aber:
„Es besteht absolutes Verfütterungsverbot von Geflügelabfällen an Geflügel. Jeglicher Zugang von Geflügel zu Geflügelabfällen muss sicher ausgeschlossen werden (Komposthaufen!)“.
Aha, da lauert die Gefahr!!
Also, sollten Sie so tollkühn sein, rohes Geflügelfleisch kaufen zu wollen, sollten Sie Ihre Sicherheitsausrüstung (virendichter Gesichtsschutzmaske, Handschuhe, Ganzkörper-Einwegschutzanzug) nicht im Schrank lassen!
Karin Ulich
Das Eis, auf welchem die postmodernen, pandemischen Reiter der Apokalypse seit 2006 galloppieren, wird zunehmend dünner – so es denn jemals überhaupt ein Mindestmaß an (wissenschaftlich seriöser) Tragfähigkeit besaß.
Das wirklich erschreckende an diesem Thema ist, dass die „Vogelgrippe“ einen interdisziplinären Einblick in nahezu sämtliche gesellschaftspolitischen Aspekte bot – und bietet – in welchen überhaupt etwas falsch laufen _kann_. Das Spektrum reicht dabei von unverhohlener Bedienung von Lobbyinteressen (Geflügel- und Pharmaindustrie), überstreicht das Versagen des Peer Review in der Wissenschaft (vieles von dem im Kontext mit H5N1 publizierten Blödsinn wäre noch nicht einmal von der Chefredaktion eines Boulevardblattes durchgewunken worden..) und landet nach einem Abstecher über aufgrund von persönlichen Abhängigkeiten (Fördergelder, Karriere) schweigender Wissenschaftler. Letzlich endet die H5N1-Tragödie in der Erkenntnis des völligen Versagens der Politik – entweder aufgrund eines verqueren Selbstbildes des Homo politicus als „Dienstleister am Kapital“ oder schlichtweg aufgrund falscher Berater.
Das Friedrich-Löffler-Institut als zuständige Bundesbehörde – obendrein eine mit eigenem Förderverein, welchem Prof. Thomas C. Mettenleiter auch gleich die Geschäfte führt ( http://www.fli.bund.de/1393.html ) – hat jedenfalls in mehrfacher Hinsicht versagt. Zuvorderst durch die einem offenen wissenschaftlichen Diskurs abträgliche und obendrein als sakrosankt postulierte fixe Idee des asymptomatisch virenverbreitenden Zugvogels – bis in Brandenburg als Ursache der Ausbrüche Tiefkühlgeflügel (!) eingeräumt werden musste. Durch die bei der „Jagd nach dem Zahnfee-Vogel“ aufgesetzten Scheuklappen wurden sowohl personelle Ressourcen (etwa zur Untersuchung der Handelsbeziehungen, bei sämtlichen 2007er Ausbrüchen ist „legaler Handel mit Geflügel“ die Ursache) als auch nicht zuletzt Steuergelder vergeudet.
Den Ausbruch im Herbst 2007 bei der bayrischen „Wichmann Enten GmbH“ hat das FLI schlichtweg – trotz zwischenzeitiger Routinekontrollen – verpennt. Erst als die Enten begannen umzufallen, hat das FLI Rückstellproben untersucht – und ist fündig worden dabei. Wie viele H5N1 verseuchte Enten zwischenzeitig – vermeidbar! – in den Handel gelangten, ist bis heute unklar.
An Skandalen mangelt es im Zusammenhang mit der „Vogelgrippe“ (ich setze den Begriff in Anführungszeichen, weil er eine falsche Bezeichnung der Sache darstellt. Geflügelpest wäre der zutreffendere Begriff) wahrlich nicht.
Die derzeitige Ruhe in den Medien bezüglich dieses Themas bietet dem WAI vielleicht die Zeit unddie Gelegenheit, auch den lobbyistischen Sumpf in Politik und Wissenschaften ein wenig ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Und diesen für die Zukunft – zumindest in Bezug auf das Thema Geflügelpest – ein Stück weit trocken zu legen.
Nicht nur zum Wohle der regional immer noch „zwangsaufgestallten“ Tiere, der kleinen Landwirtschaftsbetriebe und privaten Tierhalter. Es geht bei diesem Thema um wesentlich mehr: Nicht zuletzt eben auch um den Einfluss von Wirtschaftslobbyisten auf die Politik, um die Funktionsweise der „freien“ Presse insgesamt und auch um solche Randphänomene wie (wirtschafts-) interessengeleitete Wissenschaft.
Auch wenn sicherlich vielen Leuten das Thema nach dem Medienhype 2006 sicherlich „über“ ist: Schluss damit kann überhaupt erst dann sein, wenn sämtlicher Fehler korrigiert sind. Also – im Groben – zumindest die sinnlose Stallpflich nebst der damit verbunden Schikanen für Halter und Landwirte einmal für immer flächendeckend aufgehoben wurde und man sich der Untersuchung der Rolle der Geflügelindustrie im Seuchengeschehen in der gebotenen Ernsthaftigkeit und Objektivität widmet.
Ach ja: Und – last but not least – die „gefiederten Sündenböcke“ (Wild- und Zugvögel) umfassend rehabilitiert wurden.
An dieser Stelleauch meinen Dank an alle Unterstützer!
Viele Grüße,
Werner Hupperich